Usedom ist die Insel der zwei Gesichter: vorne die mondänen Kaiserbäder mit weißer Bäderarchitektur und der Strandpromenade, die als Europas längste gilt, hinten das stille Achterland mit Bodden, Fähren und Fischerdörfern. Dazu ein Stück deutsch-polnische Grenze, das man auf keiner anderen Ostseeinsel so unmittelbar durchfährt, und die meisten Sonnenstunden Deutschlands. Ein Kurvenrevier ist die flache Sonneninsel nicht — hier fährt man wegen der Landschaft, der Geschichte und der Übergänge, nicht wegen der Schräglage. Was die einzelnen Ecken ausmacht, steht hier.
Die Kaiserbäder – Bäderarchitektur und Seebrücken

Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin bilden die drei Kaiserbäder, eine lückenlose Kette aus weißen Villen, Seebrücken und breitem Sandstrand. In Ahlbeck steht die älteste erhaltene Seebrücke Deutschlands, ein Bau von 1898 mit dem markanten Türmchen-Restaurant über dem Wasser. Heringsdorf setzt mit einer der längsten Seebrücken des Landes noch einen drauf. Die Promenade verbindet alle drei Orte ohne Unterbrechung und läuft weiter bis ins polnische Świnoujście — rund zwölf Kilometer durchgehend am Wasser. Fahrerisch ist hier nichts zu holen, kein Meter Schräglage; das ist die Schauseite der Insel: Motorrad abstellen, die letzten Meter zu Fuß.
Villenarchitektur – die zweite Reihe hinter der Promenade

Die Bäderarchitektur ist der eigentliche Grund, hier langsam zu rollen. In der Kaiserzeit entstanden entlang der Küste Hunderte weißer Villen mit Holzveranden, Loggien und verspielten Giebeln — Sommersitze des Berliner Bürgertums, das per Bäderbahn und Dampfer anreiste. Heringsdorf trägt den dichtesten und prächtigsten Bestand; viele der großen Häuser sind heute Hotels und Kliniken. Wer die Insel nur vom Strand kennt, sollte einmal die zweite Reihe abfahren, wo die Villen zwischen alten Bäumen stehen — Schritttempo statt Standgas.
Grenzfahrt nach Polen – Świnoujście und die Insel Wolin

Der Osten der Insel ist polnisch. Świnoujście (Swinemünde) schließt unmittelbar an Ahlbeck an; seit Polens Schengen-Beitritt quert man die Grenze ohne Kontrolle — oft merkt man sie nur am Wechsel auf grobes Kopfsteinpflaster, das man im Tempo sofort spürt. Świnoujście ist Hafen- und Badestadt zugleich und liegt noch auf der Usedomer Landmasse. Die östlich anschließende Insel Wolin erreicht man über die kostenlose Stadtfähre über die Świna; dort schützt der Nationalpark Wolin eine hohe, bewaldete Steilküste über der Ostsee und ein Schaugehege mit Wisenten. Für die Auslandsschleife gehören Fahrzeugpapiere und Führerschein ins Gepäck, die grüne Versicherungskarte schadet nicht.
Bernsteinbäder und Usedomer Schweiz – die schmale Mitte

Zwischen Nordinsel und Kaiserbädern schnürt sich Usedom zur schmalsten Stelle zusammen — bei Zempin trennen Ostsee und Achterwasser nur wenige hundert Meter. Hier reihen sich die Bernsteinbäder Koserow, Zempin, Kölpinsee und Ückeritz. Über Koserow erhebt sich der bewaldete Streckelsberg, die markanteste Erhebung der Außenküste und Kern der sanft hügeligen Usedomer Schweiz. Für Motorradfahrer ist das der abwechslungsreichste Abschnitt: leichte Anstiege, Waldstücke, enge Ortsdurchfahrten — mehr Topografie gibt die Insel nicht her, aber es ist der Teil, der am wenigsten nach Tafelland aussieht.
Die Nordinsel – Zinnowitz, Karlshagen, Trassenheide

Die schmale Nordinsel zwischen den Kaiserbädern und dem Nordzipfel lebt ruhiger als die Bäderkette. Zinnowitz ist das größte Seebad hier, mit Seebrücke und Tauchgondel, die Besucher unter die Wasseroberfläche absenkt. Karlshagen und Trassenheide sind kleinere Familienbäder; in Trassenheide ziehen die Schmetterlingsfarm und das begehbare Kopf-über-Haus die Ausflügler. Die Straßen laufen hier meist schnurgerade durch den Kiefernwald zur Küste — bequem zu fahren, aber ohne fahrerische Herausforderung.
Peenemünde – Raketengeschichte am Nordzipfel
Am Nordwestzipfel liegt Peenemünde. In der Heeresversuchsanstalt entwickelte ein Team um Wernher von Braun ab den 1930er-Jahren die erste funktionsfähige Großrakete — die A4, im Krieg als V2 zur Waffe gemacht und unter Zwangsarbeit produziert. Das Historisch-Technische Museum im alten Kraftwerk ordnet diese Doppelgeschichte aus Technik und Verbrechen ein. Die Anfahrt über Zinnowitz und Karlshagen führt durch Kiefernwald und an der Küste entlang; als Gegenpol zu den heiteren Kaiserbädern gehört der Stopp auf jede Usedom-Runde.
Achterland und Lieper Winkel – die stille Rückseite
Hinter den Badeorten liegt das Achterland am Achterwasser, der ruhige, ursprüngliche Rücken der Insel. Der Lieper Winkel ragt als schmale Halbinsel zwischen Achterwasser und Peenestrom weit ins Wasser — kleine Straßen, Reetdächer und Fischerdörfer wie Rankwitz mit seinem Hafen, kaum Durchgangsverkehr. Weite Teile der Insel stehen als Naturpark Insel Usedom unter Schutz; Schilfgürtel, Bruchwald und Seeadler prägen diese Seite. Gefahren wird im Schautempo — die Sträßchen enden am Bootssteg, nicht an der nächsten Kurve.
Stadt Usedom und Schloss Mellenthin – das Binnenland
Im Süden gab die kleine Stadt Usedom der ganzen Insel den Namen. Sie liegt binnenländisch am Achterwasser, weit ab vom Strandtrubel, mit erhaltenem Stadttor und Marktplatz — eher Durchfahrts- als Zielort, aber ein ehrlicher Blick auf das Usedom hinter den Kurbädern. Mitten im hügeligen Inselinneren steht bei Mellenthin ein Renaissance-Wasserschloss von 1575, heute Hotel mit eigener Schlossbrauerei und Kaffeerösterei — ein naheliegender Einkehrpunkt, wenn man das Binnenland statt der Küste fährt.
Fähren und Brücken – rauf auf die Insel und wieder herunter
Usedom hängt an zwei Klappbrücken, und das gehört in jede Tourenplanung. Im Norden führt bei Wolgast die Peenebrücke als Klappbrücke auf die Insel — sie öffnet zu festen Zeiten für den Schiffsverkehr, dann steht die ganze Kolonne. In der Inselmitte quert die Zecheriner Brücke den Peenestrom, ebenfalls eine Klappbrücke mit Sperrzeiten. Im Süden ragt bei Karnin der stehen gebliebene Mittelteil der 1945 gesprengten Hubbrücke bis heute als technisches Denkmal im Peenestrom auf; eine Straßenquerung gibt es hier nicht. Wer die Öffnungs- und Sperrzeiten kennt, spart sich das Warten; wer nicht, lernt sie unfreiwillig.